Vertrete den Betrüger und werde dadurch selber einer

In einer rund 15 Kilogramm schweren Ermittlungsakte habe ich eine Randfigur verteidigt. Es ging in der Hauptsache um manipulierte Verkehrsunfälle. Gegen meinen Mandanten sind die Verfahren inzwischen aus verschiedensten Gründen eingestellt worden, aber wie gesagt – nur eine Randfigur.

Gegen die Hauptverdächtigen, also Halter, Fahrer und Sachverständige wurde indes Anklage erhoben. Spannend war jedoch ein Aktenvermerk der Staatsanwältin als Begleitverfügung zur Anklageschrift. Da heisst es, dass man noch prüfen müsse, ob gegen den Rechtsanwalt eines der Hauptverdächtigen auch ermittelt werden müsse. Denn dieser Anwalt habe den Fahrzeughalter immer wieder gegenüber den Versicherungen vertreten. Es würde daher(!) naheliegen, dass er in die gefälschten Gutachten und in die Unfallfiktionen eingeweiht sei. Außerdem käme hinzu, dass er mit einem der Gutachter finanziell verflochten sei, da er diesem einen Kredit gewährt habe.

Das letzte Argument mag für eine gewisse Beziehung sprechen und macht den Fall auch irgendwie besonders. Vielleicht wusste er auch was davon, keine Ahnung. Aber ansonsten klang es in dem Vermerk so, dass allein der Umstand der Vertretung eines vermeintlichen Unfall-Fakers schon für einen Anfangsverdacht ausreichen soll.

Bedenkt man, dass Versicherungen sich heutzutage häufiger als früher vor ihren Zahlungsverpflichtungen drücken, indem sie einen vermeintlich fingierten Verkehrsunfall behaupten, mit teilweise fadenscheinigen Behauptungen und durchaus auch manchmal von den einen Unfall aufnehmenden Polizeibeamten angestachelt, dann muss man sich fragen, ab wann man sich als Anwalt selber in einen Anfangsverdacht begibt. Auch wenn ein Mandant ein drittes oder viertes Mal mit einem Unfallregulierungswunsch kommt – meinen Mandanten glaube ich zunächst einmal von Berufs wegen alles. Betrüger oder Gehilfe eines Betrügers wäre ich trotzdem dann, wenn ich als Anwalt “billigend in Kauf nähme”, dass eine Versicherung getäuscht würde. Es also riechen könnte. Ein bösartiger Staatsanwalt könnte schnell auf einen solchen Gedanken kommen, gerade bei Anwälten mit zahlreichen Unfallregulierungen. Gefällt mir nicht.

Aber vielleicht wäre es auch klüger, Sachverständigen erstmal keinen Kredit zu gewähren :-)

4 Responses to “Vertrete den Betrüger und werde dadurch selber einer”

  1. Carsten R. Hoenig 29. September 2011 at 07:02 #

    Klüger klüger könnte es auch sein, den Mandanten, den der Rechtsanwalt zivilrechtlich vertreten hat, nicht auch noch im Strafverfahren zu verteidigen, wenn es um diese Zivilrechtssache geht.

    Völlig ausgeschlossen erscheint nach so einem Vermerk, daß der Rechtsanwalt das Mandat fortsetzt, wenn er die Interessen seines Mandanten (und nicht die seines Portemonnaies) im Blick hat.

    Übrigens:

    meinen Mandanten glaube ich zunächst einmal von Berufs wegen alles

    Ich glaube meinen Mandanten nichts. Ich glaube erst einmal gar nichts.

    Statt dessen denke ich, nur dann einen klaren Blick für die Beurteilung der Erfolgsaussichten haben zu können, wenn ich auch einkalkuliere, daß mich der Mandant beschwindelt.

    Schwieriges Thema.

  2. klabauter 6. Oktober 2011 at 10:28 #

    Glauben Sie Ihrem Mandanten auch die Ankündigung und den Schwur aufs Grab seiner Mutter, dass er Sie bezahlen wird, oder nehmen Sie vorsichtshalber auch mal einen Vorschuss?

  3. Dominik Weiser 11. Oktober 2011 at 12:32 #

    Es verstößt gegen den gesunden Menschenverstand, anzunehmen, dass eine Privatperson zahlreiche Unfälle innerhalb kurzer Zeiträume (15 kg – Akte) hat. Da liegt meines Erachtens ein Anfangsverdacht doch sehr, sehr nahe … Mir ist es bei einer Privatperson auch noch nie passiert, dass die innerhalb kurzer Zeit mit vier Unfällen hier aufgelaufen wäre. Und wenn, dann hätte ich allerspätestens beim dritten Unfall auf Alarm geschaltet und mir die Sache mal näher angeschaut.

    Bei uns im Saarland hat es letztes Jahr auch einen Kollegen in so einer Sache erwischt:

    Link zum Artikel (Saarbrücker Zeitung)

    Ich glaube nicht, dass dieser Kollege mit der Einlassung: “Ich glaube meinen Mandanten von Berufs wegen erstmal Alles”, einen Blumentopf gewonnen hätte.

  4. RA Grün 12. Oktober 2011 at 14:25 #

    Man lernt immer dazu. Als mich der Mandant das zweite mal innerhalb von sechs Monaten mit einer Unfallregulierung beauftragte, schöpfte ich noch keinen Verdacht. Als er kurze Zeit später mit dem dritten Unfall kam, wurde ich etwas skeptisch, beim vierten Unfall habe ich ihn auf mögliche Manipulationen angesprochen. Aber er hatte wirklich nur Pech und hat alle Prozesse gewonnen. Keine “Autobumserei”, kein Strafverfahren, keine Beziehungen zwischen den jeweiligen Parteien der Unfälle, kein entsprechenden Verdächtigungen seitens der Versicherungen.