Staatsanwaltsazubis

In kleineren Strafsachen tauchen oft genug keine ausgewachsenen Staatsanwälte auf, sondern Referendare. Also Juristen, die die Universität schon abgeschlossen haben und sich bei der Justiz und Rechtsanwälten auf ihr zweites Staatsexamen vorbereiten. Diese tragen in der Sitzung Robe und sind -abgesehen vom Alter und meist von den Büchern, die vor ihnen liegen- äußerlich nicht von ausgewachsenen Staatsanwälten zu unterscheiden. Und auch wie bei den Profis gibt es bei den Referendarinnen und Referendaren solche und solche. Ist ja klar.

Einer der schlechtesten Referendare auf der Bank des Staatsanwalts, die ich jemals erlebt habe war …. ich selbst. Ja, auch ich musste damals durch diese Staatsanwaltsabteilung und wöchentlich Sitzungen wahrnehmen. Was für einen Unsinn ich da verzapft habe. So gesehen nur gut, dass die jeweiligen Richterinnen und Richter die Fehler wieder ausgebügelt haben. Deutlich zu erkennen -jedenfalls für mich- war schon damals, dass mir einerseits Strafrecht in seiner Ausübung wunderbar gefällt, aber die Bank gegenüber der Angeklagten völlig falsch für mich ist. Nicht anders zu erklären ist, dass ich manchmal Gesamtstrafenanträge gestellt habe, die in ihrer Milde nicht mehr zu unterbieten waren (und manchmal identisch mit der schon mitgebrachten Strafe) oder mein ständiges Verständnis für die Einlassungen (böse Zungen bei den Staatsanwälten sprechen ja von Ausreden) der Angeklagten hatte. Waren ja eh nur kleine Sachen und so manche Jugendsünde konnte man durchaus, äh, verstehen. Zum Glück ist mir nicht das passiert, was einem befreundeten Referendar als Staatsanwaltsazubi geschah – er verlas die Anklageschrift und bei der zu Tränen rührenden Einlassung der Angeklagten musste er selbst sein Taschentuch zücken, um sich die eigenen Tränen wegzuwischen.

Retrospektiv sage ich allerdings, dass mich diese Phase damals -trotz der erheblichen Nervosität vor den Sitzungen- sehr weitergebracht hat. Ich kann nur jeder Referendarin und jedem Referendar empfehlen, sich darum zu bemühen, möglichst viele Sitzungen selber machen zu dürfen.

Ach ja, falls Referendarinnen oder Referendare mitlesen: Wer Lust auf eine Anwaltsstation beim mitteilungsbedürftigen Strafrechtler hat: Bitte beim Autor melden…

5 Responses to “Staatsanwaltsazubis”

  1. Thorsten 7. September 2011 at 10:05 #

    An meine Sitzungsvertretungen erinnere ich mich auch sehr gerne.

    Bei meiner ersten hatte ich einmal ein zu mildes Urteil beantragt – das merkte ich, als der Verteidiger mein Plädoyer in höchsten Tönen lobte. Die Richterin gab dann einen deutlichen Aufschlag.

    Das härtete mich irgendwie ab. In den nachfolgenden Verfahren lagen meine Anträge oftmals deutlich über dem, was im vorherigen Strafbefehl verhängt werden sollte bzw. was mir meine Ausbilderin empfohlen hat. Darunter waren drei beantragte Freiheitsstrafen ohne Bewährung dabei. Das Gericht verurteilte jedes Mal antragsgemäß.

    Nur einmal plädierte ich bei einer Körperverletzung für ein drittes Mal Bewährung. Auch hier zog die Richterin, die als “eisenhart” bekannt war, mit.

    Übrigens: hier begann der Angeklagte, mehr als doppelt so alt wie ich, während des Plädoyers zu weinen an. Ich schluckte kurz und fuhr fort.

    Die Zeit war wirklich höchst interessant und zugleich wunderschön wie unvergesslich. Auch mich hat sie sehr weitergebracht.

    Trotzdem bin ich jetzt Zivil- und Handelsrechtler geworden.

  2. atch 7. September 2011 at 10:31 #

    Ich wartete vor kurzem auf den Beginn unserer Verhandlung. Das Gericht hatte schon Verzug, was aber durch das Nichterscheinen des Angeklagte im Strafbefehlsverfahrenvor uns ausgeglichen wurde. Auf die Frage des Vorsitzenden an den sitzungsvertretenden Referendar, was er denn nun beantrage, kam allerdings die wenig überzeugende Antwort: “Versäumnisurteil!”

  3. fabian.eichholz@gmx.de 7. September 2011 at 14:35 #

    auch schön: “wie, lernt der noch?!” -angeklagte zu seinem verteidiger, als der richter vorschlug, ich solle mal wegen einer einstellung telefonieren gehen.

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